Abschied

Es war noch recht früh am Morgen, nur wenige Leute waren unterwegs. Der Tau klebte noch an den Gräsern, aber dafür hatten sie keine Augen. Die schwere Tasche und der Koffer erforderten ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie redeten nicht viel, als sie die Eingangshalle des Bahnhofs betraten. Sie hatten sich entschieden, die Strecke zu laufen, obwohl sie dafür länger brauchten als mit der Straßenbahn. Dieselbe Strecke waren sie in den letzten Jahren unzählige Male gelaufen.
Wie sie zueinander standen, hatten sie nie abschließend geklärt. So wie es war, genügte es ihnen. Als sie dann eines Tages erzählte, das sie für längere Zeit ins Ausland gehen wollte, hatte er sie in ihren Bemühungen bestärkt, ihr Mut gemacht. Nie hatte er in Abrede gestellt, dass ihre Entscheidung falsch sei. Sie war ihm sehr dankbar dafür, wie sie oft betonte. Wenn sie bei wenigen Gelegenheiten ins Grübeln kam, ob sie es tatsächlich tun sollte, gab er ihr stets zu verstehen, dass es das Richtige für sie sei. Fragte sie ihn, ob er es wirklich wollte, lächelte er nur und nickte. Nie hatte er gezeigt, dass er ihre Entscheidung nicht gutheißen würde.
Die Durchsage, die den nahenden Zug ankündigte, riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah sie an, wie sie auf dem Koffer saß und ungeduldig den Bahnsteig entlang sah. Sie bemerkte seinen Blick. Er lächelte. Sie erwiderte das Lächeln und sah wieder zum Ende des Bahnsteigs. In der Ferne konnte man bereits den Zug erkennen, der sich langsam näherte.
Als der Zug den Bahnsteig erreichte, stand sie auf und kontrollierte ein letztes Mal, ob sie auch wirklich das Ticket eingepackt hatte.

Der Zug hielt.
Er küsste sie. Auf die Wange.
Er lächelte sie an. Voller Zuneigung.
Sie bestieg den Zug und er reichte ihr die Tasche und den Koffer.
Er lächelte noch immer. Voller Wärme.
Als sich die Tür schloss, sahen sie einander an.
Er lächelte. Voller Zuversicht.
Als der Zug abfuhr, hielt er den Blickkontakt so lange wie möglich.
Noch immer ein breites Lächeln auf den Lippen. Voller Verlangen.
Er sah dem Zug nach, bis er nach einer Kurve zwischen den Häusern verschwand, welche die Gleise säumten.
Dann drehte er sich um, atmete tief durch und ging einige Schritte.
Kurz bevor er die Treppe erreichte, blieb er stehen.

"Geh' nicht."

Dann ging er nach Hause. Allein.

Magdeburg, 08.07.2010